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Grundsätzlich sind
Ärztenetzwerke Zusammenschlüsse von verschiedenen (meist
praktizierenden) Ärztinnen und Ärzten. Der Zusammenschluss
erfolgt aus der Erfahrung, dass einige Fragestellungen und Probleme im
Gesundheitswesen in einer Gemeinschaft besser bearbeitet und gelöst
werden können, als wenn jede/r Ärztin bzw. jede Praxis für sich alleine
tätig ist. Wie verbindlich, also verpflichtend ein solcher
Zusammenschluss ist und welche Probleme gemeinsam (statt jede/r für
sich) angegangen werden, ist von Netzwerk zu Netzwerk unterschiedlich.
Häufig bieten Ärztenetzwerke
Hausarztsysteme an. Ein Hausarztsystem ist eine
alternative Versicherungsform, bei der die Versicherten sich
verpflichten, bei allen gesundheitlichen Problemen immer zuerst ihre
Hausärztin bzw. ihren Hausarzt aufzusuchen und allfällige weitere
Behandlungen bei anderen Ärztinnen oder im Spital erst mit ihr/ihm zu
besprechen. Die Idee dahinter ist, dass eine Hausärztin bzw. ein
Hausarzt die Versicherten meist gut kennt und dass zusammen am besten
abgeschätzt werden kann, welche weiteren Massnahmen sinnvoll sind und
welche weniger Sinn machen. Von diesem Gedanken ausgehend wird erwartet
(erhofft), dass die vorhandenen Geldmittel im Gesundheitswesen möglichst
sinnvoll angewendet werden (derzeit in der Schweiz gegen 50 Milliarden
franken pro Jahr, entsprechend ca. 12% des Bruttosozialprodukts). Motto:
"Nichts verpassen, aber auch nichts Sinnloses machen!" Die ersten
Hausarztsysteme wurden Anfang der 1990er-Jahre ins Leben gerufen.
Es gibt die Vermutung
oder sogar handfeste Hinweise, dass Hausarztsysteme umso erfolgreicher
sind, je verbindlicher die Zusammenarbeit der beteiligten Ärztinnen und
Ärzte untereinander ist. Das Ärztenetz Nordwest (www.aerztenetz-nw.ch)
zum Beispiel ist ein Netzwerk mit vergleichsweise hoher Verbindlichkeit:
Die Mitglieder (derzeit 35 praktizierende Ärztinnen und Ärzten zwischen
Schwarzbubenland, Oberem und Unterem Baselbiet und der Stadt Basel)
verpflichten sich, 1 - 2 x pro Monat die Qualität ihrer Arbeit in
Qualitätszirkeln von je 8 - 12 Mitgliedern zu
bearbeiten, sie wenden intern besprochene Behandlungsrichtlinien
bei bestimmten Krankheitsbildern an und sie treffen sich zweimal pro
Jahr zu eintägigen Zusammenkünften des ganzen Netzwerks,
an dem bestimmte Themen ausführlich besprochen und diskutiert werden.
Um die Verbindlichkeit auch
gegenüber den Vertragspartnern (derzeit 11 Krankenversicherer) unter
Beweis zu stellen, arbeitet das Ärztenetz Nordwest mit einer
Budgetmitverantwortung. Die Verträge beinhalten ein Budget für
das gesamte Netzwerk bzw. die darin betreuten Versicherten /
Patientinnen. Es umfasst (natürlich) die gesamten Kosten im
Gesundheitswesen, also ambulante wie stationäre (so genannte
Full-Capitation). Für Jahreskosten, die eine bestimmte Summe
überschreiten (meist jährlich CHF 10'000.- bis 20'000.-), wird eine
Risikorückversicherung abgeschlossen. Das Budget wird aufgrund gewisser
Kriterien der Versicherten für das ganze Kollektiv errechnet, wobei
Alter, Geschlecht und Wohnort Eingang finden, bisweilen auch
Hospitalisationen im Vorjahr oder verabreichte Medikamentengruppen. Das
Budget ist so berechnet, dass auch der so genannte Steuerungsaufwand und
die Qualitätsarbeit angemessen vergütet werden.
Während und vor allem am
Schluss des Jahres werden die tatsächlich verursachten Kosten mit dem
Budget verglichen. Fallen weniger als die budgetierten Kosten an, wird
das Netzwerk am Gewinn beteiligt; das Verfahren im Fall eines Verlusts
ist ebenfalls vertraglich geregelt. Von entscheidender Wichtigkeit ist
dabei, dass das Budget nie auf Einzelne (Arzt oder Versicherter)
«herobqebrochen» wird. Es kann deshalb nicht passieren, dass einzelnen
Patientinnen eine Leistung verwehrt würde, weil sie «bereits zu viel
Kosten verursacht» hätten, oder dass einzelne Ärztinnen unter Druck
gerieten, weil das Budget ihres Versichertenkollektivs überschritten
wurde. Das Budget bezieht sich jeweils auf das ganze Kollektiv der
Versicherten wie der teilnehmenden Ärztinnen (Netzbudget und nicht Arzt-
und Patientenbudget).
Grundidee der
Budgetmitverantwortung ist, dass die beteiligten Ärztinnen für den
Umstand belohnt werden, dass sie eine massvolle Medizin
betreiben: Keine Sparmedizin und keine übertriebene Luxusmedizin (sowohl
Unter- wie Überversorgung schaden der Gesundheit der Betreuten!),
sondern eine massvolle, den jeweiligen Bedürfnissen angepasste
medizinische Beratung und Betreuung. Im herkömmlichen _
verslcherunqssystem, wo unser Lohn von der Menge der durchgeführten
Untersuchungen abhängt, wird eine massvolle Medizin durch eine
Einkommenseinbusse "bestraft", während jene Kolleginnen und Kollegen
vergütungsmässig besser gestellt sind, die möglichst viele
Untersuchungen durchführen (sog. Überversorgung, was teuer und manchmal
sogar gefährlich ist). Die Budgetmitverantwortung setzt also keine
falschen, sondern genau die richtigen Anreize im Gesundheitswesen!
Beitrag von
Dr. med. Florian Suter, Bubendorf,
praktizierender Hausarzt und
Geschäftsführer der Ärztenetz Nordwest AG
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