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17. Mai 2011

Ärztenetzwerke und Hausarztsysteme: Wie funktioniert das? Was heisst Budgetmitverantwortung?

 

Grundsätzlich sind Ärztenetzwerke Zusammenschlüsse von verschiedenen (meist praktizierenden) Ärztinnen und Ärzten. Der Zusammenschluss erfolgt aus der Erfahrung, dass einige Fragestellungen und Probleme im Gesundheitswesen in einer Gemeinschaft besser bearbeitet und gelöst werden können, als wenn jede/r Ärztin bzw. jede Praxis für sich alleine tätig ist. Wie verbindlich, also verpflichtend ein solcher Zusammenschluss ist und welche Probleme gemeinsam (statt jede/r für sich) angegangen werden, ist von Netzwerk zu Netzwerk unterschiedlich.

 

Häufig bieten Ärztenetzwerke Hausarztsysteme an. Ein Hausarztsystem ist eine alternative Versicherungsform, bei der die Versicherten sich verpflichten, bei allen gesundheitlichen Problemen immer zuerst ihre Hausärztin bzw. ihren Hausarzt aufzusuchen und allfällige weitere Behandlungen bei anderen Ärztinnen oder im Spital erst mit ihr/ihm zu besprechen. Die Idee dahinter ist, dass eine Hausärztin bzw. ein Hausarzt die Versicherten meist gut kennt und dass zusammen am besten abgeschätzt werden kann, welche weiteren Massnahmen sinnvoll sind und welche weniger Sinn machen. Von diesem Gedanken ausgehend wird erwartet (erhofft), dass die vorhandenen Geldmittel im Gesundheitswesen möglichst sinnvoll angewendet werden (derzeit in der Schweiz gegen 50 Milliarden franken pro Jahr, entsprechend ca. 12% des Bruttosozialprodukts). Motto: "Nichts verpassen, aber auch nichts Sinnloses machen!" Die ersten Hausarztsysteme wurden Anfang der 1990er-Jahre ins Leben gerufen.

 

Es gibt die Vermutung oder sogar handfeste Hinweise, dass Hausarztsysteme umso erfolgreicher sind, je verbindlicher die Zusammenarbeit der beteiligten Ärztinnen und Ärzte untereinander ist. Das Ärztenetz Nordwest (www.aerztenetz-nw.ch) zum Beispiel ist ein Netzwerk mit vergleichsweise hoher Verbindlichkeit: Die Mitglieder (derzeit 35 praktizierende Ärztinnen und Ärzten zwischen Schwarzbubenland, Oberem und Unterem Baselbiet und der Stadt Basel) verpflichten sich, 1 - 2 x pro Monat die Qualität ihrer Arbeit in Qualitätszirkeln von je 8 - 12 Mitgliedern zu bearbeiten, sie wenden intern besprochene Behandlungsrichtlinien bei bestimmten Krankheitsbildern an und sie treffen sich zweimal pro Jahr zu eintägigen Zusammenkünften des ganzen Netzwerks, an dem bestimmte Themen ausführlich besprochen und diskutiert werden.

 

Um die Verbindlichkeit auch gegenüber den Vertragspartnern (derzeit 11 Krankenversicherer) unter Beweis zu stellen, arbeitet das Ärztenetz Nordwest mit einer Budgetmitverantwortung. Die Verträge beinhalten ein Budget für das gesamte Netzwerk bzw. die darin betreuten Versicherten / Patientinnen. Es umfasst (natürlich) die gesamten Kosten im Gesundheitswesen, also ambulante wie stationäre (so genannte Full-Capitation). Für Jahreskosten, die eine bestimmte Summe überschreiten (meist jährlich CHF 10'000.- bis 20'000.-), wird eine Risikorückversicherung abgeschlossen. Das Budget wird aufgrund gewisser Kriterien der Versicherten für das ganze Kollektiv errechnet, wobei Alter, Geschlecht und Wohnort Eingang finden, bisweilen auch Hospitalisationen im Vorjahr oder verabreichte Medikamentengruppen. Das Budget ist so berechnet, dass auch der so genannte Steuerungsaufwand und die Qualitätsarbeit angemessen vergütet werden.

 

Während und vor allem am Schluss des Jahres werden die tatsächlich verursachten Kosten mit dem Budget verglichen. Fallen weniger als die budgetierten Kosten an, wird das Netzwerk am Gewinn beteiligt; das Verfahren im Fall eines Verlusts ist ebenfalls vertraglich geregelt. Von entscheidender Wichtigkeit ist dabei, dass das Budget nie auf Einzelne (Arzt oder Versicherter) «herobqebrochen» wird. Es kann deshalb nicht passieren, dass einzelnen Patientinnen eine Leistung verwehrt würde, weil sie «bereits zu viel Kosten verursacht» hätten, oder dass einzelne Ärztinnen unter Druck gerieten, weil das Budget ihres Versichertenkollektivs überschritten wurde. Das Budget bezieht sich jeweils auf das ganze Kollektiv der Versicherten wie der teilnehmenden Ärztinnen (Netzbudget und nicht Arzt- und Patientenbudget).

 

Grundidee der Budgetmitverantwortung ist, dass die beteiligten Ärztinnen für den Umstand belohnt werden, dass sie eine massvolle Medizin betreiben: Keine Sparmedizin und keine übertriebene Luxusmedizin (sowohl Unter- wie Überversorgung schaden der Gesundheit der Betreuten!), sondern eine massvolle, den jeweiligen Bedürfnissen angepasste medizinische Beratung und Betreuung. Im herkömmlichen _ verslcherunqssystem, wo unser Lohn von der Menge der durchgeführten Untersuchungen abhängt, wird eine massvolle Medizin durch eine Einkommenseinbusse "bestraft", während jene Kolleginnen und Kollegen vergütungsmässig besser gestellt sind, die möglichst viele Untersuchungen durchführen (sog. Überversorgung, was teuer und manchmal sogar gefährlich ist). Die Budgetmitverantwortung setzt also keine falschen, sondern genau die richtigen Anreize im Gesundheitswesen!

 

Beitrag von Dr. med. Florian Suter, Bubendorf,

praktizierender Hausarzt und Geschäftsführer der Ärztenetz Nordwest AG

 

 

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